Ach, wäre es doch nur ein Traum

Martina Thienel-Krukows Bericht über Ihren Abschied von Ihrem Mann Holger, erzählt von der Angst und Überforderung vieler Angehöriger, aber auch von Neuanfang und Zuversicht. Das Buch, das ihr Mann hinterließ, macht Mut.

„Ich kann nicht mehr!” Tief in meinem Innern empfand ich es als meine größte Niederlage, diese vier Worte aussprechen zu müssen.

Es war an einem Abend Anfang Februar 2002, fast viereinhalb Jahre nach der schrecklichen Diagnose von meinem Mann, als ich körperlich und nervlich zusammenbrach. Ich hatte meinen kranken Mann im Bett geschlagen! Leicht gestoßen nur, sicher, und doch mit einem Gefühl voll tiefster Verzweiflung und auch Wut!

Der Tag war gewesen wie jeder andere. Als „Ernährerin der Familie” kam ich nach einem langen Arbeitstag gegen 19 Uhr nach Hause. Neben der Versorgung mit Abendbrot, dem Führen des Haushaltes und des Zubettbringens unserer fünfjährigen Tochter übernahm ich nun die abendliche und nächtliche Pflege meines schwerst hilfsbedürftigen Mannes, der tagsüber von der Sozialstation Lokstedt und mit Hilfe von Freunden und Familie betreut wurde. Während ich durch unsere Wohnung flitzte, wurde mein Mann wiederholt ungerecht und stark abwartend mir gegenüber.

Als ich weinend auf dem Boden im Flur unserer Wohnung saß, unsere Tochter weinend in ihrem Bettchen lag, und mein kranker Mann mit diesem furchtbaren Schicksal nebenan in seinem Pflegebett unseres umgebauten Schlafzimmers, wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich war den vielen Anforderungen, die unser Schicksal an mich stellte, nicht mehr gewachsen!

Immer hatte ich gehofft, die Verantwortung für diese Entscheidung nie übernehmen zu müssen. Gehofft, dass eine medizinische Notwendigkeit der Auslöser dafür sein würde, wenn mein kranker Mann stationär aushäusig gepflegt werden musste. Erst später begriff ich, dass das, was ich Anfangs als eine Niederlage empfand, für uns beide, für Holger und mich, noch mal eine Chance war Eine Chance „uns beide” nicht schon vor seinem Tod zu verlieren.

Der Alptraum begann am 16. Oktober 1997. Holger war gerade 32 Jahre alt geworden, unsere Tochter Roxane erst ein Jahr, als mein Mann wegen einem erst kürzlich aufgetretenen leichten Hängens des linken Mundwinkels zur Neurologin ging. Vier Tage später erfuhren wir, dass mein Mann einen progressiven inoperablen Gehirntumor mitten im Hirnstamm hatte. Ein Todesurteil, und von einer Sekunde zur anderen war unser Leben nie mehr, wie es vorher war. Unsere ganze geplante, erträumte und erhoffte gemeinsame Zukunft zerbrach. Die Angst wurde seitdem zu einem festen Bestandteil unseres Leben.

Es folgte das, was fast alle schwer kranken Menschen auch durchmachen. Auf der Suche nach Hoffnung: Operationen, Bestrahlungen, ambulante und stationäre, oft lebensbedrohliche Eingriffe, viele Medikamente und die Bekämpfung der Nebenwirkungen. Mein Mann hat lange mit aller Kraft und Energie gegen seine Krankheit gekämpft. Später erst begriffen wir, dass wir die Krankheit als einen Bestandteil unseres Lebens annehmen mussten.

Holger wurde mit 34 Jahren Frührentner. Die Krankheit veränderte uns, sie veränderte ihn, auch seine Persönlichkeit, und unseren Freundeskreis. Damit umzugehen war sehr schwer! Eine erfahrene Therapeutin begleitete uns auf diesem letzten gemeinsamen Abschnitt unseres Lebens.

Sie half uns gegenseitig, den Partner zu verstehen und unterstützte uns in unseren Entscheidungen, wenn wir wieder an einer Weggabelung angekommen waren. Eine Kinderpsychologin des Universitätsklinikums vom Projekt „Kinder schwer kranker Eltern” half uns im Umgang mit unser Tochter. Vor allem in der Frage, was wir ihr zumuten konnten und wie sie vorzubereiten war.

Im Hospiz Sinus

Im Gespräch mit Freunden und unserer Therapeutin kristallisierte sich schnell heraus, dass Holger aushäusig gepflegt werden musste. In Frage kam nur ein Hospiz. Unsere nächste Umgebung reagierte mit viel Verständnis und bestärkte uns in dieser Entscheidung, aber teilweise leider auch mit Unverständnis. Letzteres tat mir sehr weh, hatte ich die letzten viereinhalb Jahren doch alles mir Mögliche gegeben.

Das Hospiz Sinus wurde schnell zu unserem zweiten Zuhause. Im Schrank meines Mannes stand eine Spielkiste für unsere Tochter, der Tisch im Zimmer wurde ab und zu zur Höhle umfunktioniert. Holger lebte, wider Erwarten, in den ersten Tagen richtig auf und nutzte die von der Hauswirtschafterin liebevoll gestalteten Bastelstunden um seinen Liebsten noch eigene kleine Geschenke machen. Gisela, eine Hospizmitarbeiterin, stieg in die Begleitung von Holger ein. In ihr fand er einen weiteren wichtigen Menschen, mit dem er über seine Ängste, Sorgen und auch über Sterben und den Tod redete. Als Holger nicht mehr lesen konnte, kamen Freunde und Bekannte, Gisela und Holgers Mutter, um ihm regelmäßig vorzulesen.

Durch seine undeutliche, mühsame Sprache war es ihm nur schwierig bzw. gar nicht möglich, Kontakt zu den anderen Gästen im Hospiz zu finden. Täglich war ich bei ihm. Gerne erinnere ich mich an die gemeinsamen Spaziergänge und die genüsslichen Stunden im Eiscafé in der Weidenallee mit dem legendären Amarena-Becher.

Im Hospiz konnte ich Holger endlich meine gesamte Aufmerksamkeit und ungeteilte Zuneigung entgegenbringen, ohne mich dem Haushalt, dem Alltag und unserer Tochter gleichzeitig widmen zu müssen. Endlich konnte auch ich mich mal in Ruhe hinsetzen und meinem Mann etwas vorlesen. Oft saß ich an seiner Seite und wurde gleichzeitig mit einer Tasse Tee und einem Stück Kuchen verwöhnt! Auch wenn mir oft nicht zum Essen zumute war, so habe ich die mir entgegengebrachte Wärme in dieser Lebensphase als ein fast vergessenes Geschenk empfunden. Auch die Gespräche mit anderen Gästen haben mir viel bedeutet. Holger hatte auch hier, im Hospiz, seine Höhen und Tiefen. Es war schön zu erleben wie liebevoll und mit wie viel Mühe die HospizmitarbeiterInnen auf meinen Mann eingingen.

Mit der räumlichen Trennung rutschte ich zu Hause in eine neue, andere Phase der Traurigkeit. Es war wie der Vorbote eines baldigen großen Verlustes, ein Vorstadium der Trauer, die mich zu Hause überfiel und lähmte.

Und doch tat es so gut, wenn ich oft weinend das Hospiz verließ, zuhause einen Ort der Ruhe und des Lebens vorzufinden. Einen Ort, an dem ich, wenn meine Tochter schlief, wieder Kraft schöpfen konnte für die beiden Menschen, die mich so dringend brauchten.

Abschied

Die kontinuierliche körperliche Verschlechterung meines Mannes entging mir nicht. Und doch traf es mich wie ein Schlag, als ich drei Tage vor Holgers Tod von einer Mitarbeiterin darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sein Leben nicht mehr lange dauern würde!

Als mein Mann im Februar 2002 verstarb, saß ich an seinem Bett und war ihm so nah wie selten in unserem gemeinsamen Leben. Der Tod kam für mich immer noch so überraschend, diese unfassbare Endgültigkeit überspülte mich mit Furcht und Schrecken. Doch es herrschte eine ungeheure friedvolle Intimität zwischen uns beiden. Wie viel Kraft hatte uns die Krankheit genommen.

Und doch, eins hat die Krankheit nie geschafft: uns beide zu entzweien. Ein Teil von mir ging in dieser Nacht mit ihm, doch ein Teil von ihm blieb, und lebt in mir und Roxane! Es tat gut auch in dem Moment des Abschieds umgeben zu sein von Menschen, die „Profis” in der Begleitung von Sterbenden sind. Menschen, die Holger, wenn er alleine war, die Hand hielten und sich auch nicht scheuen uns in den Arm zu nehmen oder auch mit uns zu weinen. Als ich spät abends nach Hause ging, legte ein Mitarbeiter von sich aus für meinen Mann noch ein CD ein, mit der Begründung, Holger hätte es sich sicher gewünscht.

Genau dies spiegelte wieder, was ich im Hospiz Sinus so geschätzt und geliebt habe!

Zuhause angekommen, flatterte ein Schmetterling in unserer Wohnung.

Es zog mich anfangs magisch ins Hospiz zurück, wo ich mich regelmäßig mit dem Psychologen traf und Gäste besuchte. Ich nahm mir Zeit, von unserem letzten gemeinsamen Zuhause Abschied zu nehmen. Auch die Gespräche mit der einfühlsamen Stein- und Bildhauerin Jospehine Bustorff, die Entwicklung des Grabsteins, sind ein wichtiger Teil meiner Trauerarbeit.

Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen mich mir zuzuwenden und meine in Vergessenheit geratenen Ziele und Wünsche wieder zu finden und neu zu überdenken. Doch mit der Hilfe von den vielen hier erwähnten und unerwähnten Menschen sehe ich zwar traurig und doch mit Zuversicht in in die Zukunft.

Martina Thienel-Krukow

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