„Das letzte Gesicht“

Die Journalistin Beate Lakotta und der Fotograf Walter Schels haben Menschen im Hospiz Sinus porträtiert.

Als Bärbel Templins Tochter den Anruf aus dem Sinus bekam, ihrer Mutter gehe es plötzlich sehr schlecht, hatte sie gehofft, sich noch von ihr verabschieden zu können. Aber als Britta kurz darauf mit ihrem neunjährigen Sohn Felix ins Hospiz kam, war ihre Mutter schon weit weg. In den Wochen zuvor hatte Britta jeden Tag an ihrem Bett gesessen oder sie im Rollstuhl im Viertel herumgefahren. Bärbel Templin war froh, hier einen Platz bekommen zu haben. Seit vielen Jahren hatte sie sehr tapfer mit dem Krebs gelebt. Jetzt arbeitete ihre Lunge nicht mehr richtig und ihr Skelett war von Knochenmetastasen brüchig geworden. Es fiel ihr schwer, Hilfe anzunehmen, aber es ging nicht mehr anders. Hier fühlte sie sich gut aufgehoben, „betreut aber nicht bedrängt“, sagte sie. Sie hatte immer sehr eigenständig gelebt, und, so gut es noch ging, war ihr das auch hier möglich.

Ihr Mann konnte sie jederzeit besuchen kommen. Ihr Enkel Felix war oft nach der Schule direkt ins Sinus gegangen, hatte seinen Ranzen abgestellt und mit seiner Oma zu Mittag gegessen. Einmal hatte er sogar bei ihr im Zimmer übernachtet, im Schlafsack auf dem Sofa. Felix fand es spannend im Hospiz, oft hatte er den verzweigten Flur erkundet und Geräusche, Gerüche und sonstige Lebensäußerungen aufgenommen, die aus den 15 Zimmern drangen.

Gestern war seine Großmutter noch wie immer gewesen. Sie hatte geredet und gelacht. Am Abend hatten sie noch Heringsstip zusammen gegessen. Hermann, der Mitarbeiter, hatte extra Kartoffeln gekocht. „Bis morgen”, hatte Bärbel Templin zum Abschied gesagt. Jetzt konnte sie nichts mehr sagen, sondern atmete nur ganz laut. Es war das erste Mal, dass Britta und Felix einen Menschen sterben sahen. Es war ihnen ein bisschen unheimlich. Zum Glück waren Hermann und seine Kollegin Harriet bei ihnen, und in den Minuten, als Bärbel Templin starb, legte Hermann seinen Arm um Felix‘ Schulter. Danach war Felix mit Hermann in die Küche gegangen. Die beiden hatten lange über das gesprochen, was geschehen war. Anschließend durfte Felix für seine Großmutter die Kerze im Flur gleich neben dem Eingang anzünden.

Wir haben Bärbel Templin, ihre Tochter und ihren Enkel im Hospiz Sinus kennengelernt. Hier und in drei anderen Hospizen haben Walter Schels und ich über ein Jahr lang Menschen in der letzten Zeit ihres Lebens mit der Kamera und dem Tonband begleitet, um von ihnen etwas zu erfahren über das Sterben. Früher bekam von Kindesbeinen an jedermann sterbende und tote Familienmitglieder zu Gesicht. Heute ist das Sterben sehr diskret geworden. Wahrscheinlich macht es deshalb sogar mehr Angst als in früheren Zeiten. Aber es macht auch neugierig.

Unser Buch erzählt in zwanzig Porträts – vom Baby bis zur Greisin – vom Ende des Lebens. Von den Hoffnungen und Ängsten der Sterbenden und ihrer Angehörigen und von der Medizin, die Todkranken hilft. Von allen Porträtierten haben wir vor und nach ihrem Tod ein Foto gemacht. Manche sind der Ansicht, es verstoße gegen die Würde des Verstorbenen, sein Bild zu zeigen. Wir sind anderer Meinung: Entspricht es nicht viel mehr der Würde eines Menschen, der soeben gestorben ist, dass man ihn ansieht, anstatt den Blick abzuwenden von seinem letzten Gesicht?

Wir waren überrascht, wie viele Hospiz-Gäste damit einverstanden waren, dass wir über ihr Sterben berichteten und sie auch nach ihrem Tod porträtierten. Zumal viele der Menschen, die wir trafen, tief traurig oder bitter waren. Sie hatten Angst vor dem Sterben oder litten sehr darunter, dass ihr Körper sie im Stich ließ. Die meisten hatten ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen.

Oft konnten wir uns kaum vorstellen, dass wir der Person, die wir in dieser Lebenslage kennenlernten, in naher Zukunft den letzten Besuch abstatten würden. Dieses letzte Porträt wurde für uns zu einem Abschiedsritual. Die Unerbittlichkeit, mit der alle vorangegangenen Hoffnungen und inneren Kämpfe nun ein Ende hatten, war manchmal schwer zu ertragen. Zugleich war es tröstlich zu sehen, wie der Tod ein Gesicht zur Ruhe bringt. Die meisten sahen wirklich friedlich aus.

Bärbel Templins Enkel Felix ist froh darüber, dass er dabei war, als seine Großmutter starb. An das Gespräch danach, mit Hermann abends in der Sinus-Küche, erinnert er sich noch ganz genau. „Wann gehen wir mal wieder ins Hospiz?“, hat er seine Mutter gefragt. „Ich geh da gern hin.“

Beate Lakotta

 

Beate Lakotta, 38. ist Redakteurin im Wissenschaftsressort des SPIEGEL.

Walter Schels, 68, lebt als Fotograf in Hamburg. Ihr Buch „Noch mal leben vor dem Tod. Wenn Menschen sterben” ist erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt, DVA, München, ISBN 3-421-05837-7. Es hat 224 Seiten mit 70 Doutone-Abbildungen und kostet 39,90 Euro. Das Buch ist im Hospiz erhältlich.

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