Sich zu trauern trauen…

„Nur wer die Liebe meidet, kann dem Schmerz entgehen. Es kommt darauf an, aus ihm zu lernen und weiterhin durch Liebe verwundbar zu sein.“ John Brantner findet schöne Worte für das Wesentliche.

In der Trauer um den bevorstehenden oder eingetretenen Verlust eines nahe stehenden Menschen entstehen starke Gefühle, die nur schwer zu ertragen sind und eine Verarbeitung erfordern, um mit ihnen umgehen zu lernen.

Trauern bedeutet nicht nur einen Verlust zu erleben, traurig zu sein, sondern umfasst einen Prozess, der möglichst dazu führen sollte, dass der Verlust verkraftet wird, d.h. dass es gelingt sich vom Verstorbenen zu lösen, um weiterzuleben, ohne den Verstorbenen zu vergessen, sich wieder den Lebenden zuwenden zu können.

Menschen können sehr unterschiedlich auf Verluste und Trennungen reagieren. Es gibt kein optimales Trennungs- und Trauerverhalten.

Jeder kann nur sein eigenes Verhalten wahrnehmen und erkennen und versuchen den Schmerz, der damit verbunden ist, auszudrücken.

Gefühle trauernder Menschen können sich erfahrungsgemäß sehr heftig äußern. Diese starken Gefühle sind Ausdruck von Verlassensein, aber sie führen auch dazu, dass über die Auseinandersetzung mit dem Sterbenden oder Verstorbenen sich ein Gefühl einstellen kann, was dieser im Leben des Trauern- den für eine Bedeutung hat, bzw. hatte. Vielleicht ist dies auch die schwierigste Phase der Trauer: Klarheit darüber zu gewinnen, was der andere Mensch in einem selbst „belebt“, um zu erfahren, dass dies nicht auch verloren geht, sondern erlebbar und erfahrbar ist und bleibt.

Dieser Prozess sollte nicht durch Forderungen nach Selbstbeherrschung oder Tapferkeit eingeschränkt werden. Wichtig ist, Gefühle in der Intensität in der sie auftreten, wahrzunehmen und auszudrücken, wenn nicht im Beisein anderer, zumindest für sich selbst.

Die Trennung und den mit ihr verbundenen großen Verlust zu akzeptieren, mit allen Gefühlen, die damit verbunden sind und ausgehalten werden müssen, macht das Leben nicht einfacher, aber lebendiger. Auch Gefühle wie Schmerz halten uns lebendig.

Das Zulassen von Empfindungen, die sich auch widersprechen können, wie Wut über das Alleingelassenwerden und damit verbundenes Schuldgefühl, hilft sich vom Verstorbenen zu lösen.

Gerade das Ausdrücken und Zeigen, besonders auch der aggressiven Gefühle, wie Wut über das „im Stich gelassen“ werden, ist von großer Bedeutung, denn aggressive Gefühle vermeiden das Hineinfallen in depressive Stimmungen und führen auch dazu, sich mit dem Verstorbenen noch einmal auseinanderzusetzen.

Viele Trauernde erzählen uns, dass sie über nichts anderes mehr sprechen können, als über ihr früheres und jetziges Leben mit dem Verstorbenen. Das ist sehr hilfreich, weil sie das Leben mit dem Verstorbenen so Revue passieren lassen und dabei auch, neben der anfänglichen Idealisierung, problematische Situationen wiederbeleben, was dazu führt, dass auch deutlich wird, was in der Beziehung nicht so geglückt ist, was man sich „schuldig“ geblieben ist. Auch dieser Aspekt gehört dazu.

So zeigt die Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen nicht nur das Substanzielle der Beziehung, sondern kann auch dazu führen, dass man erlebt, dass sich Zuneigung nicht im Verharren in ewiger Trauer, sondern in Aufmerksamkeit auf das eigene Beziehungsverhalten ausdrücken kann.

Wer dieser Auseinandersetzung ausweicht, läuft Gefahr seinen Schmerz wach halten zu müssen, aus Angst davor, dass mit dem Schmerz der Verstorbene verloren geht.

Wem es gelingt zu sehen, was der Verstorbene im Leben des Zurückbleiben- den bewirkt, was er wachgerufen hat, bei dem lebt der Verstorbene mit, auch wenn sein Denken sich nicht mehr ständig um ihn dreht.

Trauer um einen nahe stehenden Menschen ist wahrscheinlich das schmerzlichste Erlebnis, doch das Verarbeiten des Verlustes besteht nicht nur in der Akzeptanz des Todes, sondern auch im Durchleben der gemeinsamen Geschichte.

Gabriela Holmer-Cichosz

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